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Predigt am 3. Fastensonntag, 7./8. März 2010
„Mißbrauch in der Kirche – was jetzt?“
Mehr noch als die PGR-Wahl an diesem Wochenende bewegt uns Katholiken und darüber hinaus die bundesdeutsche Gesellschaft ein ganz anderes The­ma. Es sind die zahlreichen Fälle von Mißbrauch bzw. sexueller Gewalt in kirchlichen Einrichtungen, in Klosterinternaten, durch kirchliche Mitatbeiter und Priester.

Als vor einigen Wochen in Berlin der Jesuitenpater Mertes die Initiative ergriffen hatte und an die Öffentlichkeit ging, war noch nicht abzusehen, welche Lawine damit ausgelöst werden sollte. Inzwischen kommen immer mehr solcher Vergehen ans Tageslicht. Gott sei Dank, möchte ich sagen!

Die meisten Vorfälle liegen zwar schon Jahrzehnte zurück, doch ist die Betroffenheit darüber immer noch sehr groß. Die unterschiedlichsten Reaktion bei den Leuten sind festzustellen:

Die einen sind über die Mißbrauchsvorfälle in der Kirche schockiert. Ihnen ist das Thema peinlich und sie verstummen richtiggehend.

Andere diskutieren im Kollegen- und Bekanntenkreis darüber und äußern ihren Zorn und ihre Enttäuschung: „Gerade von der Kirche hätte ich etwas anderes erwartet!“

Wieder andere ergehen sich in Häme und beschimpfen die Kirche pauschal als heuchlerisch und scheinheilig. Die Vorfälle werden genutzt zu einer Generalabrechnung und für Pauschalvorwürfe.

Die betroffenen Opfer sind meist erleichtert über die Öffnung des tabu- und schambehafteten Themas „Mißbrauch“.

Die Täter – ein Teil stellt sich, bereut, entschuldigt sich, bemüht sich um Wiedergutmachung. Ein Teil schweigt oder leugnet.

Es ist ein Thema, das mit großem Scham und Peinlichkeit behaftet ist.

Um es aber deutlich zur sagen: Ich kann den Zorn über diese von kirchlichen Mitarbeitern und Geistlichen verstehen und teile die Empörung darüber. Was da geschehen ist, darf in der Kirche in keinster Weise salonfähig sein. Was da geschehen ist, vereinbart sich in keiner Weise mit dem, wofür die Kirche eintritt.

Ich persönlich ärgere mich auch richtig über die Täter. Ich versuche als Pfarrer die Kirche positiv zu vertreten, ich versuche gute Arbeit für die Kirche zu leisten – und mit einem Schlag wird das zunichte gemacht. Weil einzelne sich daneben benehmen, werden auf einmal wir Priester insgesamt und die Kirche als Ganzes in ein schlechtes Licht gestellt.

Ohne das Leid der Opfer klein reden zum wollen, sei aber auch darauf hingewiesen, dass es sexuelle Übergriffe und Mißbrauch auch, aber nicht nur in der Kirche gibt. In Sportvereinen und „ganz normalen“ Schulen, überall, wo pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geschieht, kommen leider Missbräuche vor. Die jüngsten Meldungen über solche Vorkommnisse in einer hessischen Privatschule bestätigen dies. Die größte Zahl der sexuellen Übergriffe geschehen jedoch in den Familien durch einen netten Onkel, durch den neuen Freund der Mutter usw.

Die momentane auf den kirchlichen Bereich fokussierte Diskussion kann helfen, die Problematik des sexuellen Missbrauchs allgemein ins Gespräch zu bringen und die Gesellschaft grundsätzlich dafür zu sensibilieren.

Doch zurück zu uns, zur Kirche:

Jesus hat seine Verkündigung mit dem Aufruf zur Umkehr begonnen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Dieser Satz wird oft beim Verteilen des Aschenkreuzes zu Beginn der Fastenzeit gesagt. Die Umkehr, das Erkennen und Anerkennen meiner Fehler hat in der Kirche von Jesus her einen hohen Stellenwert.

Natürlich fällt es trotzdem keinem von uns Christen leicht, zu seinen Fehlern zu stehen, zu bekennen, dass ich nicht so toll bin, wie andere von mir meinen, zuzugeben, dass ich etwas nicht kann und mich da und dort falsch verhalten habe. Doch eigentlich müssten wir in der Kirche fast Profis darin sein, unser Tun kritisch zu reflektieren, unsere Fehler als Fehler wahrzunehmen, uns zum eigenen falschen Handeln zu bekennen und uns zu ändern.

Offensichtlich brauchte es aber einen öffentlichen Skandal, damit die Kirche so langsam in die Gänge kommt und bekennt, dass es auch in der Kirche menschlich und damit fehlerhaft zugeht.

Wenn wir als Kirche deutlicher dazu stehen könnten, nicht perfekt zu sein, nicht alles zu wissen und alles zu können, für Fehler um Entschuldigung zu bitten und für Ausgleich aufzukommen, - wenn wir als Kirche unser immer zugleich „Sünder-Sein“ deutlicher bekennen würden, könnten wir auch andere Menschen entlasten von einem Perfektionszwang und der Neigung, alles Unperfekte unter den Teppich zu kehren. Das gibt es nicht nur in der Kirche!

Im heutigen Evangelium hatte Jesus Menschen vor sich, die meinten, über alle Fehler erhaben zu sein und eine Umkehr nicht nötig zu haben. Jesus greift das Jerusalemer Ortsgespräch auf, wo einige genau wussten, dass die Leute, die da von Pilatus beim Opfern getötet worden waren, und die Leute, die bei einen Einsturz ums Leben gekommen waren, ja wegen ihrer Sünden umgekommen seien. So etwas könne ja ihnen nicht passieren!

Jesus knüpft an diesem Denken an uns sagt: „Meint ihr, daß nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“

Mit dem Gleichnis vom Feigenbaum, der schon drei Jahre lang keine Feigen getragen hatte, weist Jesus darauf hin, dass Gott immer noch Geduld hat: „Herr, laß ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.“

Das ist das Umgehen Jesu mit Menschen, die keine Besserung, keine Umkehr zeigen: Er nennt die Dinge beim Namen und schreckt die Unbelehrbaren damit auf. Zugleich gibt er noch eine Chance.

Die momentane Diskussion zeigt an, dass in der Kirche an Menschen Unrecht verübt worden ist. Es ist nicht leicht, sich dieser Wahrheit zu stellen. Auch viele Kirchenmitglieder leiden darunter. Doch der Weg der Änderung geht nur über den Blick auf die Fehler. Wir sind aufgerufen, im Blick zurück Schuld anzuerkennen und im Blick nach vorne die Chance zur Änderung und Veränderung und zum Besseren wahrzunehmen. Wir als Kirche und jede und jeder einzelne von uns.

Was mir dabei Mut macht: Wie für den Feigenbaum im Evangelium hat Jesus Hoffnung auch für uns heute, für die Opfer, für die Täter und für die gesamte Kirche.

Amen.

Veröffentlicht: 09.03.2010 Stefan Redelberger
Weiterführende Links:
Artikel von Wunibald Müller in der Zeitschrift "Stimmen der Zeit" Ausgabe 228 (4/2010)
Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz